Prosa

Das Bild

Ewige Liebe?

Max wollte die Antwort nicht hören, aber er musste sie fragen, als er die Koffer sah: »Verreisen Sie?«
Isabel nickte. Er hoffte, dass sie seine Enttäuschung nicht sah.
Ihr glänzendes, langes Haar floss wie Samt über ihre Schultern. Das rote Kostüm passte perfekt zu ihren Lippen. So wie alles hier zu ihren Lippen passte, nur er nicht.
Max nicht.
Sie spürte seine Besorgnis. Für einen Moment wirkte es, als wolle sie seine Hand nehmen, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. Sie biss sich auf die Unterlippe.
Ein seltsamer Zug huschte über ihre schönen Augen.
Er vermochte ihn nicht zu deuten. Angst war es keineswegs.

»Er wird mir nichts tun«, hauchte sie leise. Max erinnerte sich ungern an den Moment, als sie Isabel neben dem dritten Opfer des Parkmörders gefunden hatten. Blut, viel Blut …
Sie hatte wie ein verlorener Vogel in einem zähen, schmutzigen Meer aus rotem Tod gewirkt. In ihren Augen formte sich der Schrei, den der Tote nicht mehr hatte ausstoßen können. Es war ein grauenvoller Anblick gewesen.
»Fahren Sie zu Freunden?«, fragte Max, aber es klang wie ein Befehl. Sie hob die Augenbrauen, nickte stirnrunzelnd und deutete fast spöttisch auf ein Regal mit gerahmten Bildern. Eins zeigte ein Paar auf einer Picknickdecke. Max grübelte erfolglos, woher er es kannte. Dieser Mann und diese Frau, wo hatte er die beiden schon einmal gesehen? Das Foto wirkte merkwürdig gestellt. Er zuckte die Schultern, drehte sich zu ihr um und blickte ihr in die Augen. Einen sehr langen, schmerzlichen Moment.
Sie erwiderte seinen Blick kühl.
Was hätte er dafür gegeben, um diese verführerischen, roten Lippen nur ein einziges Mal zu berühren, ganz zart. Das war ihm noch nie passiert. Er wusste, dass es höchst unprofessionell war, sich in die Zeugin in einem aktuellen Mordfall zu verlieben.
Schließlich blieb ihm nichts mehr, als sich zu verabschieden und ihr alles Gute zu wünschen.
Sie gaben sich die Hand. Dann ging er und ein ungutes Gefühl in seinem Herzen blieb.
Für heute war sein Dienst beendet, er musste nicht mehr zurück ins Büro. Also fuhr er heim, zu seiner Freundin, in sein solides, langweiliges Privatleben. Als er ankam, waren seine Fingernägel nahezu alle abgekaut. Und er bekam es nicht einmal bewusst mit.
Den Abend verbrachten sie auf der Couch. Lona hatte zuvor für ihn gekocht, aber er brachte keinen Bissen herunter. Sie fragte nicht warum, schob es auf den Stress. In letzter Zeit wirkte er oft abwesend. Sie sorgte sich um ihn. Er jedoch hatte ein schlechtes Gewissen – in Gedanken war er immer noch bei Isabel. Als er in einer Zeitschrift blätterte, um sich abzulenken, sprang ihm plötzlich die Reklame einer Versicherung ins Auge – mit einem Paar auf einer Picknickdecke. Dem Paar! Es gab keinen Zweifel – das waren keine Freunde Isabels, nur namenlose Models aus einer Werbung.

Ihn durchfuhr es eiskalt.
Sein Adrenalinspiegel schoss in die Höhe.
Alle Puzzleteile fügten sich zusammen. Noch während er seine Autoschlüssel an sich riss und ohne Jacke aus dem Haus raste, wurde ihm klar, dass es zu spät war. Viel zu spät, um die Mörderin dreier Männer zu schnappen, die sie erst betäubt und dann bestialisch hingerichtet hatte.

Copyright 2014 by Jasmin Kari.

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