Prosa

Gift


Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere …

Er wusste es, noch bevor er den Karton entgegennahm.
Langsam drehte er den schlichten Karton in den Händen, fand jedoch wie erwartet keinen Absender. Nur seine eigene Adresse in einer etwas kindlich wirkenden Handschrift.

Dr. Ratt war kein Mann für Überraschungen, hasste sie bisweilen sogar. Aber er war neugierig, nach den seltsamen Ereignissen der letzten Zeit erst recht.
Seine Hände zitterten und sein Puls raste.

Lass es, sagte ihm sein Verstand, aber er wollte es jetzt wissen.
Wie ein Schaulustiger in seinem eigenen Leben sah er sich selbst dabei zu, wie er die Doppelschnur vorsichtig auseinanderzog. So, als handele es sich um ein wertvolles und lang ersehntes Geschenk. Dabei war es alles andere als das.
Als er die Seiten umklappte und die schwarze Plastiktüte öffnete, schlug ihm ein Übelkeit erregender Gestank entgegen. Ratt unterdrückte ein Würgen. Mit spitzen Fingern zog er das zerknautschte Plastik auseinander.

Und da war sie – die tote, weiße Taube. Mit aufgeschlitztem Bauch lag sie in der Box wie in einem Sarg.
Weiße, dicke Maden machten sich über ihr Gedärm her. Und über ihre Augenhöhlen, die mittlerweile leer waren und seltsam aussahen, so als hätte sie jemand absichtlich mit einem Skalpell herausgeschnitten.
Außerstande zu schreien, packte Ratt das blanke Entsetzen. Er ließ das Paket fallen und erbrach sich mehrfach auf den Küchenboden.
Schwankend sank er auf die Knie und rutschte an den Schränken zu Boden.

Eine tote, weiße Taube.
Das konnte nur eins bedeuten: Der Frieden war vorbei.
Und so war es. Als er sich wieder halbwegs gefasst und gesäubert hatte, hastete er zu seinem Van und fuhr nach Robtown City, auf direktem Wege zu Sommit Pharmaceuticals. Mit seiner Chipcard öffnete er die Sicherheitstüren im Keller, bis er den Fingerabdruckscanner vor seinem Labor erreichte. Sekunden später stand er in dem verwüsteten Hauptraum.

»Oh mein Gott«, entfuhr es ihm, als er die zerbrochenen Kolben und Gerätschaften sah. Auf undefinierbaren Flüssigkeiten schlitterte er über den rutschigen Fußboden zum Kühlschrank am anderen Ende des Raumes. Dort, wo er das von ihm entwickelte Toxin verwahrt hatte, das ursprünglich ein Heilmittel hätte werden sollen. Von dem niemand wissen konnte, jedenfalls hatte er das noch bis vor kurzem gedacht.
Dann kamen die Briefe und der Terror begann.

Das Schlimmste an der Sache war – er hätte dem Ganzen schnellstmöglich ein Ende bereiten müssen, aber er wusste nicht wie. Das Gift – es hatte eine erstaunliche Wirkungskraft. In den falschen Händen wäre es eine furchtbare Waffe. Doch er hatte an seinen Ruhm gedacht, wollte den Wirkstoff weiter testen, anstatt ihn zu vernichten. Er hatte die fixe Idee, dass er einem Mittel gegen Krebs auf der Spur war. Dann wäre er auf einen Schlag berühmt.
Er wischte sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn, was sollte er nur tun?
Wenn er es meldete, könnte er womöglich größeren Schaden verhindern. Aber das würde nicht nur bedeuten, dass er seinen Job und all seine Arbeit verlöre – auch Sommit Pharmaceuticals wäre bis in alle Zeiten ruiniert. Ganz zu schweigen von den Früchten seiner Arbeit.
Er wusste jetzt, dass es jemand aus dem Institut sein musste. Wer sonst hätte ohne Probleme die Sicherheitsschleusen passieren können? Und wer wollte töten, anstatt zu heilen?

»Was wirst du jetzt tun?«, fragte eine leise Stimme hinter ihm.
Scherben brachen unter den Sohlen fremder Schuhe.

Erschrocken wirbelte er herum.
Vor ihm stand seine Assistentin mit emporgehaltener Waffe. Und plötzlich wusste er, dass es nicht um Macht ging, sondern um Rache.

Copyright 2014 by Jasmin Kari.

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