Prosa

Über das Nichts, das so sicher nicht ist


Aus aktuellem Anlass fühle ich mich verpflichtet, Sie vor den Gefahren heutiger Schließmechanismen zu warnen.

Beginnen wir bei der äußeren Erscheinung:
Für gewöhnlich erkennt man ein Schlüsselloch an der außergewöhnlichen Beschaffenheit. Seit Erfindung der Antimaterie wurde seine Form als »Loch« stetig weiterentwickelt. Vor 100 Jahren gestaltete man diese wie einen Schach-Bauern. In ihrer Schlichtheit hielt sie jedoch im Laufe der Zeit den Sicherheitsanforderungen besorgter Bürger nicht mehr stand. Es wurden komplexere Systeme entwickelt, aus dem rundlichen Nichts wurde eine verzahnte Öffnung. Nur ein Laie würde behaupten, die von gezacktem Metall ummantelte Antimaterie diene hauptsächlich dem Zweck, der geheimnisvollen Wach- und Schließgesellschaft finanzielle Mittel in Millionenhöhe zuzuspielen. Wo doch der Preis für diese seltsame Mechanik, die den Schutz des Eigentums garantieren soll, unverschämt ist. Genauso unfassbar hoch wie das persönliche Sicherheitsbedürfnis eines Otto-Normal-Hausbewohners in der Stadt. Es wird geschlossen, was das Zeug hält: Läden, Türen, Geschäfte, Fenster, Berichte, Ehen, Konten und Augen.

Im Umgang mit der oben genannten Art von Schlössern ermahne ich zur Vorsicht. Warum eine richtige Handhabung lebenswichtig sein kann, möchte ich Ihnen gern an folgendem Beispiel verdeutlichen:
Stellen Sie sich zunächst vor, das Objekt Ihrer Schließtätigkeit befinde sich in Ihrer Wohnungstür.

Das gezackte, metallene Loch kann geöffnet oder geschlossen werden. Das heißt, wenn Sie das notwendige Gegenstück, den sogenannten »Schlüssel« haben (Schlüs·sel; Plural: Schlüs·sel – »Gegenstand zum Öffnen und Schließen eines Schlosses«). Dann kann Ihnen nicht nur nichts mehr passieren, sondern sogar sehr viel. Spätestens, wenn der kleine, kantige Gegenstand von innen in der Wohnungstür steckt, Sie aber draußen stehen. Gegebenenfalls werden Sie ein Kribbeln in der Brustgegend verspüren, das sich zu einem leichten Ziehen und Herzklopfen steigern kann.

Zum Wohle aller ist es ratsam, sich vorher komplett anzuziehen, damit Sie nicht mit einem Korb Wäsche in den Armen und Lockenwicklern auf dem Kopf Hilfe suchen müssen. Daran sollten Sie unbedingt denken, wenn Sie sich einmal spontan aussperren. Ein lockerer Umgangston wird Ihnen dabei helfen, Ihren Nachbarn zwei Stockwerke über Ihnen davon zu überzeugen, Sie im Bademantel in seine Küche zu lassen, um von dort aus dem Fenster zu steigen und auf der Feuerleiter nach unten zu Ihrem eigenen, geöffneten (und nicht verschlossenen) Küchenfenster zu gelangen. Wenn Sie Höhenangst haben, rate ich Ihnen, vorab eine Angsttherapie zu absolvieren. Auch das Überprüfen der Leiter auf Tauglichkeit ist sehr hilfreich. Sollte die Rettungsvorrichtung einfach in der Luft enden, versuchen Sie, auf den Vorsprung vor Ihrem Fenster zu springen und auch zu landen. Spätestens dann ist es ratsam, Ihren Zigarettenvorrat zu überprüfen. Denn unter Umständen werden Sie feststellen, dass Ihr Plan, durch das gekippte Fenster von innen an den Griff zu gelangen und es zu öffnen, scheitert. Das kann aufgrund des Umfanges Ihres Armes der Fall sein, oder aber an der Höhe des Schlitzes liegen.

Seien Sie auf alles vorbereitet.

Vor allem auf eine längere Wartezeit, die Sie sich mit Rauchen vertreiben können, wenn es Ihr psychischer Zustand oder der plötzlich merkwürdig gewordene Nachbar nicht mehr zu lässt, wieder nach oben zu klettern.
Im Idealfall werden die Bewohner des Hauses gegenüber nicht die Polizei rufen, wenn sie Sie rauchend, in Nachthemd oder Bademantel bekleidet, auf der Feuerleiter sehen.
Vielleicht haben Sie auch Glück, und Ihr Partner oder Ihre Partnerin können mit Hilfe einer Kreditkarte Ihre Wohnungstür von außen öffnen, um Sie in der Küche endlich willkommen zu heißen.
Vermutlich werden Sie darüber Ihre Wut auf sich selbst vergessen und froh sein, nicht den Schlüsseldienst geholt zu haben. Dadurch haben Sie sich ungefähr die Kosten gespart, die dazu nötig waren, um diesen Schutzmechanismus zu installieren. Aber bitte verlieren Sie nicht die Fassung, wenn Sie nach Überprüfung der Wohnungstüre feststellen, dass Ihr Haustürschlüssel gar nicht von innen steckt. Wenn die Schlüsselöffnung bloß ein harmloses »Loch« ist, das Ihnen entgegengähnt. Und wahren Sie unbedingt vor Ihrem Lebensgefährten/Ihrer Lebensgefährtin die Fassung, wenn Sie sich plötzlich auf etwas Hartes setzen und ein kleines, metallisch glänzendes Objekt aus der Tasche Ihres Bademantels ziehen.
Denn Sie wissen ja: »Nichts ist sicher, nicht einmal das.«

Copyright 2014 by Jasmin Kari.

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