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Stein – Ein Porträt

Madonna Carrara Verkleinerung

Aschau.
Es ist grün hier, saftige Wiesen, im Hintergrund die bayerischen Alpen und blauer Himmel. Mir kommt Staub und Kies und Ödnis in den Sinn, meine Vorstellung von einem Steinbruch, die ich heute Morgen noch hatte – welch ein Klischee. Eine steinerne Madonna säumt den Weg zur Terrasse, die einen Einblick in ein helles Wohnzimmer gewährt, gesäumt von einer meterhohen Bücherwand.

Ein weiß schimmernder Kopf (eine marmorne 1:1-Nachbildung von Donatellos „Niccolò da Uzzano„) thront auf einem schlichten Holzsockel im Inneren des Raumes. Draußen blicken Steinporträts über die Felder.

Niccolò da Uzzano die Donatello Kopie

1:1 Kopie von Donatello „Niccolò da Uzzano“ in Marmor

Für einen Moment bin ich berauscht von der Atmosphäre.
Alles wirkt lebendig und warm. Warum verbindet man mit Stein statische Kälte, Unbeweglichkeit und die Farbe Grau? Mit einem Bildhauer einen grobschlächtigen großen Mann mit dicken schwieligen Händen?

Meine eigene Fehleinschätzung überrascht mich, als Herr Söllner mich auf seiner Terrasse begrüßt.
Wir setzen uns an einen großen Tisch, der Künstler zündet eine Zigarette an und lehnt sich entspannt zurück. Während des Gesprächs zieht er mehrmals die Beine hoch und setzt sich im Schneidersitz hin. Ein absolut lockerer Typ. Er macht es mir leicht, meine Fragen zu stellen – man spürt die Leidenschaft die hinter seinem Können, seiner Kunst, steht.

Gleich zu Beginn erfahre ich, dass der beste Marmor aus Carrara stammt. Die bekanntesten Strömungen der Bildhauerei kommen aus Italien und Frankreich.
Den barberinischen Faun vor Augen (der eigentliche Grund meines Besuchs, das Original befindet sich in der Glyptothek in München), kann ich mir bildhaft die einzelnen Arbeitsschritte vorstellen, die notwendig sind, um ein solches Meisterwerk zu erschaffen. Herr Söllner erzählt mir vom »Bossieren« (grobes Zurichten des Blocks mit Sprengeisen oder Vorsatzhämmern), durch das man aus einem harten Steinblock die erste Struktur formt. Ich lerne, dass der Künstler sich durch sogenanntes »Spitzen« bereits bis auf 1-2 cm der Endoberfläche seiner Skulptur nähert. Durch Modellieren und Abtragen mit einem Zahneisen, lassen sich schon recht feine Details formen. Klassische Strukturen lassen sich mit Spitzeisen und Flacheisen feinmodellieren, sie sollen homogen (sauber und gesund) gearbeitet werden.
Die letzten Arbeitsschritte sind das »Schleifen« und »Polieren« – eine sehr wichtige Arbeit und traditionell schaut der Meister dem Lucidatore (ital. Polierer) dabei auf die Finger (während die anderen, »groben«  Arbeitsschritte Lehrlingen und Gesellen übertragen werden).
Demnach ist die Arbeit an einer Statue in der Größe des Fauns durch eine Person eher unwahrscheinlich. Was logisch klingt – wie sonst hätten unter anderem Michelangelo oder Rodin derart viele Meisterwerke erschaffen können?
Die schimmernde Oberfläche einer Marmorskulptur ist übrigens nur durch die kristalline Beschaffenheit des Gesteins möglich, ein Hauptmerkmal des Marmors.

Über die „Steinszene„.

Wir reden darüber, dass man in der Kunst nicht weiß, was passiert – ein Aspekt, den mein Gesprächspartner am kreativen Schaffensprozess besonders schätzt.

Er sagt, Stein ist subtraktiv.

„Etwas ist da, du nimmst einen Teil weg, manchmal scheint es, als wäre es zu viel, und dennoch entsteht etwas Neues.
Kunst kommt eben nicht von Können, sondern von lassen und sich trauen. Und was entsteht ist doch egal, du hast eine gute Zeit gehabt.“

Für einen Bildhauer ist der Stein nicht ewig.

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Keine andere Kultur außer der abendländischen bilde ab, meint er, denn warum sollte man etwas darstellen, das es schon gibt? Kunst als bloße 1:1-Darstellung und Kopie.

Herr Söllner berichtet auch von Aberglauben unter den italienischen Bildhauern. Beispielsweise decken viele das Werk, an dem sie gerade arbeiten, bei Vollmond ab. Der Stein wird sonst härter, sagen sie, ist schwerer zu bearbeiten. Und obwohl es sich bei den Arbeitern nicht um Esoteriker handelt, scheint etwas dran zu sein.

„Stein als Spiegel des Selbst.“

Oft habe man das Gefühl, es geht nicht weiter, obwohl man genau so viel schafft, wie am Tag zuvor, an dem man mehr Kraft zu haben scheint. Stein schlagen als etwas Archaisches, Befreiendes.
In seinen Kursen lässt mein Bildhauer den Teilnehmern absoluten Schaffensfreiraum. Einzig und allein zur Technik gibt er Tipps und lässt sein Fachwissen einfließen. Schafft die Atmosphäre, in der sich gut arbeiten lässt.

Gerät zum Erstellen einer Replik

Gerät zum Erstellen einer Replik

Zu guter Letzt bekomme ich einen Einblick über das Erstellen einer Replik. Erfahre, dass es sich bei der Madonna im Garten um eine Verkleinerung auf 1,40 m handelt. Das Original steht im Dom von Carrara und ist 1,60 m groß. Man kann gut die Arbeit des Zahneisens erkennen. In einem aufwendigen Verfahren überträgt man Punkt für Punkt des Modells auf die Kopie, um den Stein dem Original entsprechend abzutragen. Die Maße lassen sich dabei beliebig ändern.

Als ich mich bedanke und verabschiede, weiß ich, dass ich fortan Stein als Material anders betrachte – mir der kurzen Zeitdimension bewusst werde, in der wir leben, und der großen, in der die Natur die Welt formt und verändert.
Ich bin sicher, dass Herr Söllner mit seiner Kunst und seinen Bildhauer-Kursen noch viele Menschen begeistern wird.

Wer Interesse hat, mehr zu erfahren, kann sich gerne an ihn wenden unter:
http://www.steinbildhauerkurs.de

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2 Kommentare

  1. D. Zurwerra sagt

    Ein wundervolles und absolut treffendes Porträt. Eines, das meine Vorfreude auf Mai noch mehr wachsen lässt und mich gleichzeitig in meinen letzten Kurs abtauchen lässt. Jasmin, vielen vielen Dank dafür!!

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